Jüdisches Leben gehörte über viele Jahrhunderte zur Geschichte Weinheims, lange bevor die Stadt zur heutigen Großen Kreisstadt an der Bergstraße wurde. Diese Seite gibt dir einen ehrlichen, faktentreuen Überblick: über die jahrhundertealte Gemeinde, über die Synagogen der Stadt, über den Bruch im Novemberpogrom 1938 und über die Orte, an denen heute erinnert und gedacht wird. Wenn du dich für die Stadtgeschichte Weinheims insgesamt interessierst, ist dies ein zentraler und zugleich schwerer Teil davon.
Wie alt ist die jüdische Geschichte Weinheims?
Jüdische Spuren reichen in Weinheim bis ins Mittelalter zurück. Im Nürnberger Memorbuch ist überliefert, dass im September 1298 jüdische Einwohner Weinheims im Bereich der Judengasse umkamen, im Kontext der antijüdischen Verfolgungswellen jener Zeit. Damit gehört Weinheim zu den Orten, deren jüdische Geschichte mehr als 700 Jahre umspannt, mit langen Phasen des Zusammenlebens, aber auch mit wiederkehrender Ausgrenzung und Gewalt.
In der frühen Neuzeit ist die Gemeinde wieder besser greifbar. Für das Jahr 1690 ist eine Synagoge in der Altstadt bezeugt, im Bereich der Judengasse. Hier feierte die jüdische Gemeinde ihre Gottesdienste, bis sie Anfang des 20. Jahrhunderts ein neues Gotteshaus erhielt. Das Glaubensleben war eingebettet in eine vielfältige Konfessionslandschaft, die du im Überblick über die Rolle der Kirche in Weinheim nachvollziehen kannst. Auch eigene Begräbnisplätze sind überliefert: Im 17. Jahrhundert wurde den Weinheimer Juden ein Platz am sogenannten Judenbuckel außerhalb der damaligen Stadtmauer zugewiesen, später nutzte die Gemeinde auch den jüdischen Verbandsfriedhof in Hemsbach.
Was war die neue Synagoge in der Ehretstraße?
Die bekannteste Synagoge Weinheims war die neue Synagoge in der damaligen Bürgermeister-Ehret-Straße 5, der heutigen Ehretstraße. Sie wurde 1905/06 nach Plänen des Frankfurter Architekten Max Seckbach errichtet und am 2. August 1906 eingeweiht. Den Bau ermöglichte unter anderem eine Stiftung des Lederfabrikanten Sigmund Hirsch, ein Hinweis darauf, wie eng jüdische Familien mit der wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt verbunden waren, in der die Lederindustrie eine große Rolle spielte. Unternehmer wie er gehören zu den historischen Persönlichkeiten Weinheims, die das Stadtbild über Generationen geprägt haben.
Architektonisch war die Synagoge im neugotischen Stil gehalten und besaß die traditionelle jüdische Ausstattung mit Toraschrein, Bima und Ner Tamid, dem ewigen Licht. Sie war für rund drei Jahrzehnte das religiöse und gemeinschaftliche Zentrum der jüdischen Gemeinde Weinheims, die um 1905 mit etwa 190 Mitgliedern ihren zahlenmäßigen Höchststand erreichte.
Was geschah mit der Synagoge 1938?
Mit der nationalsozialistischen Herrschaft ab 1933 begann auch in Weinheim die systematische Entrechtung, Ausgrenzung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Viele Familien sahen sich gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, und emigrierten in den 1930er Jahren, ein großer Teil in die USA.
Der tiefste Einschnitt war der Novemberpogrom 1938. Am Vormittag des 10. November 1938 wurde die Synagoge in der Ehretstraße durch eine Sprengung weitgehend zerstört. Zuvor hatten SA-Leute die Inneneinrichtung verwüstet. Was als Gotteshaus und Mittelpunkt jüdischen Lebens gebaut worden war, lag in Trümmern, und die jüdische Gemeinde wurde gezwungen, die Ruine in der Folgezeit selbst abbrechen zu lassen.
Die Verfolgung steigerte sich weiter: Am 22. Oktober 1940 wurden im Rahmen der sogenannten Wagner-Bürckel-Aktion 66 jüdische Weinheimerinnen und Weinheimer in das Internierungslager Gurs in Südfrankreich deportiert. Für viele von ihnen war Gurs eine Zwischenstation auf dem Weg in die Vernichtungslager. Das jüdische Gemeindeleben in Weinheim, wie es über Jahrhunderte gewachsen war, wurde damit ausgelöscht.
Wie wird heute an die jüdische Gemeinde erinnert?
Heute halten in Weinheim mehrere Orte und Initiativen die Erinnerung wach. Zu den wichtigsten Formen des Gedenkens gehören:
- Stolpersteine: Zwischen 2006 und 2008 wurden rund 40 Stolpersteine in der Kernstadt und vier im Stadtteil Lützelsachsen verlegt, 2017 kam ein weiterer hinzu. Die in das Pflaster eingelassenen Messingsteine tragen die Namen verfolgter und ermordeter Menschen und stehen jeweils vor ihren letzten frei gewählten Wohnorten.
- Gedenktafel zur Synagoge: An die zerstörte Synagoge erinnert eine Gedenktafel. Sie wurde 1967 angebracht und 1988 an das Gebäude der Volkshochschule verlegt.
- Stadtarchiv und Forschungsprojekt: Das Stadtarchiv Weinheim und das Online-Projekt juden-in-weinheim.de dokumentieren Leben und Wirken der jüdischen Bürgerinnen und Bürger über die Jahrhunderte und nicht nur die Zeit der Verfolgung.
- Stadtrundgang „Jüdische Spuren”: Ein Rundgang verbindet die zentralen Orte jüdischen Lebens, von der Judengasse in der Altstadt bis zum Standort der ehemaligen Synagoge.
Das Gedenken hat seinen festen Platz auch im öffentlichen Leben der Stadt. Neben den großen Festen und Traditionen Weinheims gibt es jedes Jahr Termine, die ausdrücklich der Erinnerung gewidmet sind, etwa rund um den 10. November oder den Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Wann solche Anlässe stattfinden, findest du im Überblick über die Veranstaltungen in Weinheim.
Praktische Tipps für einen Besuch
Wenn du dich vor Ort mit dem Thema beschäftigen möchtest, helfen dir ein paar Hinweise:
- Stolpersteine im Alltag wahrnehmen: Viele Steine liegen im Bereich der Altstadt und Fußgängerzone. Sie sind kein abgegrenzter Gedenkort, sondern Teil des Straßenbilds, achte beim Bummel durch die Stadt einfach bewusst auf sie.
- Stadtarchiv vorab kontaktieren: Das Stadtarchiv in der Weststraße 12 bietet Quellen und Hintergründe. Eine Anmeldung vor dem Besuch ist sinnvoll, Öffnungszeiten und Konditionen bitte vorab prüfen.
- Mit Respekt vor Ort: Stolpersteine und Gedenktafeln sind Orte des Gedenkens. Wer sie besucht, sollte sie entsprechend würdigen.
- Im Zusammenhang verstehen: Jüdisches Leben war eng mit der Wirtschafts- und Alltagsgeschichte der Stadt verwoben. Ein Blick auf Weinheim auf einen Blick hilft, die Gemeinde nicht nur über ihr Ende, sondern über ihr jahrhundertelanges Wirken in der Stadt zu begreifen.
Gut zu wissen
Die Geschichte der jüdischen Gemeinde Weinheims ist keine Randnotiz, sondern ein wesentlicher Teil der Stadtgeschichte. Sie erzählt von Zugehörigkeit und Beitrag über Jahrhunderte, vom Bruch und der Zerstörung in der NS-Zeit und von der bewussten Entscheidung, heute zu erinnern statt zu vergessen. Wenn du durch die historischen Gassen der Stadt streifst oder dich tiefer in die Geschichte Weinheims vertiefst, lohnt es sich, auch diese Spuren zu lesen, sie gehören untrennbar zum Bild der Zwei-Burgen-Stadt.