Feste erzählen viel über eine Stadt. In Weinheim ziehen sich gleich mehrere Traditionen durch das Jahr, die teils weit zurückreichen und teils erst im 20. Jahrhundert ihre heutige Form gefunden haben. Vom Frühlingsbrauch des Sommertagszugs über die große Kerwe im Hochsommer bis zum Winzerfest im Herbst lebt hier ein Stück Brauchtum der Badischen Bergstraße weiter. Auf dieser Seite findest du einen ehrlichen Überblick darüber, welche historischen Feste in Weinheim gepflegt werden, woher sie kommen und worauf du achten solltest, wenn du dabei sein willst. Wer tiefer einsteigen will, findet bei den prägenden historischen Persönlichkeiten Weinheims und beim jüdischen Leben in Weinheim weitere Facetten der Stadtgeschichte, die das heutige Brauchtum mitformten.
Was ist der Sommertagszug und woher kommt er?
Der Sommertagszug ist der älteste der drei großen Weinheimer Festbräuche und zugleich der berührendste, weil ihn vor allem Kinder tragen. Er findet traditionell am Sonntag Laetare statt, dem vierten Fastensonntag, dessen Datum sich jedes Jahr mit dem Osterkalender verschiebt und meist im März liegt. Inhaltlich geht es um den Abschied vom Winter und das Begrüßen des Frühlings.
Der Brauch ist ein alter Frühjahrsbrauch der Kurpfalz und der Bergstraße, der sich in einfacherer Form weit zurückverfolgen lässt. In Weinheim ist die Tradition bis in die 1860er Jahre belegt, als Kindergruppen durch die Stadt zogen, den Frühling besangen und dafür kleine Gaben bekamen. Bis heute ziehen mehrere Tausend Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit, die meisten davon Kinder aus Schulen, Kindergärten und Vereinen der Stadt.
Typisch für den Zug sind diese Elemente:
- Sommertagsstecken: Die Kinder tragen geschmückte Stäbe mit Brezeln, bunten Bändern und einer ausgeblasenen Eierschale als Frühlingssymbol.
- Alte Lieder: Begleitet von Musikgruppen werden überlieferte Frühlingslieder wie „Stri, stra, stro” und „Winter ade” gesungen.
- Schneemann-Verbrennung: Am Ende wird symbolisch ein Schneemann verbrannt, der den Winter verkörpert. Der Frühling siegt.
Der Zug sammelt sich in der Innenstadt und führt durch die Altstadt. Es ist ein lautes, fröhliches Familienfest, bei dem ganze Schulklassen wochenlang basteln. Wenn du mit Kindern in Weinheim bist, lohnt sich der Termin besonders.
Was macht die Weinheimer Kerwe besonders?
Die Weinheimer Kerwe ist das größte Stadtfest und wird traditionell am zweiten Augustwochenende gefeiert. „Kerwe” ist die badisch-pfälzische Form von Kirchweih, also dem Weihefest der Kirche, das vielerorts zum allgemeinen Volksfest geworden ist. Wie stark das kirchliche Leben das Brauchtum geprägt hat, zeigt sich auch in der Rolle der Kirche in Weinheim. In Weinheim ist daraus über die Jahrzehnte ein mehrtägiges Fest mit Brauchtum, Musik und Rummel geworden.
Bemerkenswert ist die jüngere Geschichte der Kerwe in ihrer heutigen Gestalt. Mitte der 1950er Jahre wurde das Kerwetreiben neu organisiert, und ein Arbeitskreis Weinheimer Bürger konzentrierte das Fest auf die Altstadt rund um den Marktplatz. Die erste Altstadtkerwe in dieser Form fand 1957 statt. Seither hat sich das Fest zu einem der größten Sommerfeste an der Bergstraße entwickelt.
Das Besondere am Veranstaltungsort: Statt eines einzelnen Festplatzes verteilt sich die Kerwe über die historische Innenstadt. Straußwirtschaften, Bühnen und Stände finden sich auf dem Marktplatz, im malerischen Gerberbachviertel, in der Grundelbachstraße und auf den umliegenden Plätzen. Genau diese Kulisse aus Fachwerk und Gassen macht den Reiz aus. Wer Atmosphäre statt reinem Vergnügungspark sucht, ist hier richtig. Aktuelle Termine und Programme findest du unter lokale Events sowie auf unserer Seite zur Weinheimer Kerwe.
Welche Rolle spielt der Weinbau und das Bergsträßer Winzerfest?
Weinheim trägt den Wein im Namen, und das ist kein Zufall: Die Stadt liegt an der Badischen Bergstraße, einer alten Weinbauregion mit mildem Klima. Vor allem in den Bergstadtteilen wird seit Generationen Wein angebaut. Der größte Stadtteil Lützelsachsen ist stark vom Weinbau geprägt, ebenso das benachbarte Hohensachsen.
Aus dieser Tradition heraus wird in Lützelsachsen das Bergsträßer Winzerfest gefeiert, üblicherweise an einem Wochenende Anfang Oktober zur Zeit der Weinlese. Das Fest verbindet Geselligkeit mit der lokalen Weinkultur: Es gibt einen Festumzug, eine eigene Weinkönigin, die den Ort und seine Winzertradition repräsentiert, sowie regionale Weine zur Verkostung. Damit ist das Winzerfest der herbstliche Gegenpol zum Frühlingszug und zur Sommerkerwe und schließt den traditionellen Festkreis des Jahres ab.
Wenn dich die Hintergründe interessieren, lohnt ein Blick auf die Geschichte Weinheims und auf Weinheim auf einen Blick, wo Lage und Stadtteile eingeordnet werden.
Welche weiteren Veranstaltungen prägen das Festjahr?
Neben den drei historischen Hauptfesten gibt es weitere wiederkehrende Veranstaltungen, die das Weinheimer Jahr strukturieren:
- Weinheimer Kultursommer: Open-Air-Konzerte und Theater in den Sommermonaten, unter anderem in der Kulisse des Schlossparks.
- Wochenmarkt: Mittwochs und samstags auf dem Marktplatz, eine kleine, aber feste Alltagstradition im Herzen der Altstadt.
- Feste in den Stadtteilen: Die elf Stadtteile pflegen eigene kleinere Feste, die das dörfliche Brauchtum lebendig halten.
Diese Termine ergänzen das große Festjahr und zeigen, dass Tradition in Weinheim nicht nur an den drei Höhepunkten gepflegt wird.
Praktische Tipps für deinen Festbesuch
Damit dein Besuch gelingt, hier ein paar ehrliche Hinweise:
- Termine immer aktuell prüfen: Die genauen Daten verschieben sich von Jahr zu Jahr, besonders der Sommertagszug (beweglicher Laetare-Sonntag). Verlasse dich auf die offiziellen Ankündigungen der Stadt unter weinheim.de, bevor du anreist.
- Anreise mit Bahn und OEG: Gerade bei Kerwe und großen Festen ist die Parksituation in der Altstadt angespannt. Die RNV-Linie 5 (OEG) und die S-Bahn RheinNeckar bringen dich entspannt aus Mannheim und Heidelberg in die Stadt.
- Altstadt zu Fuß erkunden: Die Feste spielen sich rund um Marktplatz, Gerberbachviertel und die engen Gassen ab. Festes Schuhwerk und etwas Zeit zum Schlendern lohnen sich mehr als der Versuch, alles in einer Stunde zu sehen.
- Familienfreundlich: Der Sommertagszug ist klar auf Kinder ausgerichtet. Kerwe und Winzerfest sind generationsübergreifend, am frühen Abend meist familiärer als spät in der Nacht.
- Rund um die Feste: Plane Zeit für die Sehenswürdigkeiten und die Gastronomie ein. Wenn du übernachten möchtest, findest du eine Orientierung unter beste Hotels in Weinheim.
Weinheim ist keine Stadt, die ihre Traditionen museal konserviert. Sommertagszug, Kerwe und Winzerfest werden von Vereinen, Schulen und Bürgern getragen und jedes Jahr neu mit Leben gefüllt. Genau das macht sie sehenswert: Du erlebst kein nachgestelltes Spektakel, sondern gelebtes Brauchtum der Bergstraße.