Wer an Weinheim denkt, hat meist die beiden Burgen, die Altstadt und den Schlosspark vor Augen. Die Geschichte der Region reicht aber deutlich weiter zurück, bis in die Römerzeit. Lange bevor Weinheim 755 erstmals urkundlich erwähnt wurde, lebten und wirtschafteten hier Menschen unter römischer Verwaltung. Auf dieser Seite ordnen wir ein, was zur Römerzeit an der Bergstraße tatsächlich belegt ist, und wo populäre Erzählungen vorsichtig zu lesen sind. Wie sich die Besiedlung in der Zeit vor den Römern darstellt, zeigt die Seite zur Frühgeschichte Weinheims; die gesamte Stadthistorie bündelt der Überblick zur Geschichte Weinheims.
Gehörte die Bergstraße zum Römischen Reich?
Ja. Die Region am westlichen Rand des Odenwalds lag in der römischen Provinz Germania superior (Obergermanien). Geschützt wurde dieses rechtsrheinische Gebiet durch den Obergermanisch-Raetischen Limes, der weiter östlich im Odenwald und später am Neckar-Odenwald verlief. Das fruchtbare Vorland zwischen Limes und Rhein, zu dem die Bergstraße zählt, war dadurch über Generationen römisch erschlossenes Kulturland.
Verwaltungsmittelpunkt der näheren Umgebung war nicht Weinheim, sondern die Stadt Lopodunum, das heutige Ladenburg am Neckar, rund 15 Kilometer südwestlich. Lopodunum war Hauptort der Civitas Ulpia Sueborum Nicrensium, einer Verwaltungseinheit, die nach den hier siedelnden Neckarsweben benannt war. Der Beiname Ulpia ehrt Kaiser Trajan. Die Stadt besaß alles, was eine römische Stadt ausmachte: Forum und Basilika, Tempel, Bäder und ein Theater. Damit ist klar: Der Weinheimer Raum war Teil eines dicht organisierten römischen Hinterlandes.
Welche römischen Spuren gibt es konkret in und um Weinheim?
Hier lohnt eine nüchterne Unterscheidung zwischen gut Erforschtem und nur Verzeichnetem.
- Für das Weinheimer Stadtgebiet ist in der archäologischen Datenbank Vici.org eine Villa rustica verzeichnet (Bezug auf das Standardwerk „Die Römer in Baden-Württemberg”). Genaue Datierung und Fundumstände sind dort allerdings nicht näher ausgeführt. Eine sichtbare Anlage gibt es an dieser Stelle nicht.
- Gut erforscht und greifbar ist dagegen die Villa rustica in Großsachsen, einem Ortsteil der direkt südlich angrenzenden Gemeinde Hirschberg. Sie wurde ab 1984 archäologisch untersucht.
Wer also nach handfesten Römerspuren sucht, wird in der unmittelbaren Nachbarschaft Weinheims fündig, weniger im Stadtkern selbst. Das passt zu dem, was wir über römische Besiedlung wissen: Die Landgüter lagen verstreut über die fruchtbaren Hänge und das Vorland der Bergstraße.
Was war eine Villa rustica?
Eine Villa rustica war ein römisches Landgut, also ein landwirtschaftlicher Betrieb. Solche Höfe waren die wirtschaftliche Grundeinheit am Rand der Bergstraße. Sie versorgten die Bevölkerung und die nahen Städte wie Lopodunum mit Getreide, Wein, Obst und weiteren Erzeugnissen. Dass der Weinbau hier so früh Fuß fasste, wirkt bis heute nach, wie die Seite zur Entwicklung des Weinbaus in Weinheim nachzeichnet.
Das Beispiel Großsachsen zeigt anschaulich, wie ein solcher Hof aussah und sich entwickelte:
- Die Anfänge des Gutes liegen in der Zeit um 120 n. Chr.
- Schon in der ersten Phase gehörte ein eigenes Badegebäude zur Anlage.
- Um 170/180 n. Chr. wurde der Hof aufgewertet, unter anderem mit den Eingang flankierenden Ecktürmen und einem davorgelegten Wasserbecken, was den gestiegenen Wohlstand des Besitzers zeigt.
- Das Haupthaus besaß in seiner Ausbaustufe Annehmlichkeiten wie eine Fußbodenheizung.
- Der Hof gehörte zum Umkreis des römischen Lopodunum.
Solche Details lassen erahnen, dass die Bergstraße schon vor fast 2000 Jahren ein bevorzugter Wohn- und Wirtschaftsraum war, ein Eindruck, der bis heute trägt.
War die Bergstraße eine Römerstraße?
Die Bergstraße wurde in römischer Zeit als Verkehrsweg genutzt, der die Siedlungen am Fuß des Odenwalds verband. Sie diente als Handels- und Wegeverbindung entlang der Hangzone.
Ein verbreiteter Irrtum betrifft den Namen: Die lateinisch wirkende Bezeichnung strata montana für die Bergstraße geht nicht auf die Römer zurück, sondern wurde erst in der Zeit des Humanismus geprägt. Ältere überlieferte Namen lauten zum Beispiel strata publica (795) oder montana platea (1002). Die Straße ist also alt und teilweise auf römischen Wegen gewachsen, der „römisch” klingende Name ist aber eine spätere gelehrte Bildung.
Wann endete die Römerzeit an der Bergstraße?
Die römische Herrschaft im rechtsrheinischen Vorland endete nicht von einem Tag auf den anderen. Forschungen zeigen, dass der Niedergang im 3. Jahrhundert in mehreren Stufen verlief. Den entscheidenden Bruch markieren die germanischen Einfälle von Franken und Alamannen um 259/260 n. Chr.
In dieser Zeit gaben die Römer die Grenzanlagen weitgehend auf und zogen sich hinter den Rhein zurück. Auch das Landgut in Großsachsen wurde bis zum Rückzug der Römer über den Rhein um etwa 250 n. Chr. genutzt. Das Gebiet zwischen Limes und Rhein, also auch die Bergstraße, blieb danach ohne römische Garnison. Die neue Grenze verlief fortan am Rhein. Erst Jahrhunderte später, im frühen Mittelalter, verdichtete sich die Besiedlung wieder, bis Weinheim 755 erstmals im Lorscher Codex auftaucht.
Gut zu wissen: Römerzeit erleben rund um Weinheim
Wenn du die Römerzeit der Region nicht nur lesen, sondern auch erleben möchtest, helfen ein paar praktische Hinweise:
- Lobdengau-Museum in Ladenburg: Das antike Lopodunum liegt in bequemer Reichweite. Das Museum vermittelt die römische und nachrömische Geschichte des Lobdengaus. Aktuelle Öffnungszeiten und Eintrittspreise bitte vorab prüfen.
- Villa rustica Großsachsen (Hirschberg): Hier sind rekonstruierte Mauerreste eines römischen Landguts zu sehen, eingebunden in einen historischen Ortsrundgang. Gutes Schuhwerk und etwas Zeit zum Spazieren einplanen.
- Bergstraße als Wegeverbindung: Wer die alte Verkehrsachse nachvollziehen will, kann die Hangzone von Heidelberg über Weinheim Richtung Norden erkunden. Die Bergstraße ist heute eine touristische Ferienstraße, bekannt für früh einsetzende Blüte und Weinbau.
- Quellen prüfen lohnt sich: Gerade bei der Römerzeit kursieren viele halbwahre Geschichten. Verlasse dich auf Museen, Ortschroniken und seriöse Datenbanken, nicht auf jede schnell formulierte Behauptung.
Wer nach dem geschichtlichen Streifzug Lust auf die Gegenwart bekommt, findet bei den Sehenswürdigkeiten in Weinheim die beiden Burgen, den Schlosspark und die Altstadt, eine gute Stärkung in der Weinheimer Gastronomie und einen kompakten Einstieg unter Weinheim auf einen Blick.