Weinheim trägt seine Geschichte sichtbar im Stadtbild: zwei Burgen über den Dächern, ein verwinkeltes Gerberviertel mit Fachwerk und ein Marktplatz, dessen Grundriss auf die mittelalterliche Stadtanlage zurückgeht. Wer verstehen will, wie aus einer fränkischen Siedlung die heutige Zwei-Burgen-Stadt an der Bergstraße wurde, kommt am Mittelalter nicht vorbei. Auf dieser Seite ordnen wir die gesicherten Eckdaten ein, vom ersten Eintrag im Lorscher Codex bis zur Vereinigung von Alt- und Neustadt im 15. Jahrhundert. Eine breitere Übersicht findest du im Cluster Stadtgeschichte.
Wann beginnt die schriftliche Geschichte Weinheims?
Der erste sichere Beleg für Weinheim stammt aus dem Jahr 755. In diesem Jahr wird der Ort als Winenheim im Lorscher Codex genannt, dem Urkundenbuch des nahen Klosters Lorsch. Solche frühen Erwähnungen verdankt die ganze Bergstraße dem Kloster, das hier umfangreichen Grundbesitz verwaltete und Schenkungen sorgfältig dokumentierte. Was vor dieser Urkunde lag, beleuchtet der Abschnitt zur Römerzeit an der Bergstraße, als die Region bereits besiedelt und verkehrlich erschlossen war.
Die Siedlung lag verkehrsgünstig am Übergang von der Rheinebene in den Odenwald, an einer alten Nord-Süd-Route entlang der Bergstraße. Diese Lage zwischen fruchtbarem Tiefland und bewaldeten Hügeln zieht sich als roter Faden durch die gesamte Stadtgeschichte und erklärt, warum Weinheim über die Jahrhunderte für wechselnde Herren interessant blieb.
Welche Rechte machten Weinheim zur Stadt?
Zwei mittelalterliche Privilegien stehen am Anfang der wirtschaftlichen Bedeutung:
- Marktrecht um 1000: Das Recht, Markt abzuhalten, wird üblicherweise um das Jahr 1000 angesetzt und Kaiser Otto III. zugeschrieben. Es machte Weinheim zu einem geregelten Handelsplatz.
- Münzrecht 1065: Wenige Jahrzehnte später folgte 1065 das Münzrecht, also die Erlaubnis, eigenes Geld zu prägen. Das ist ein deutliches Zeichen für den Rang, den der Ort im Hochmittelalter bereits hatte.
Markt- und Münzrecht waren keine Selbstverständlichkeit. Sie zeigen, dass Weinheim früh mehr war als ein Dorf und sich auf dem Weg zur Stadt befand. Wer heute über den Marktplatz in der Altstadt geht und den Wochenmarkt am Mittwoch und Samstag erlebt, steht in einer Tradition, die bis in diese Zeit zurückreicht.
Was hat es mit den beiden Burgen auf sich?
Über Weinheim erheben sich zwei Burgen, doch nur eine davon ist wirklich mittelalterlich:
- Burg Windeck ist die ältere der beiden. Sie wird dem Kloster Lorsch zugeschrieben und im 12. Jahrhundert errichtet. Die Anlage sicherte den Besitz des Klosters und kontrollierte die Bergstraße. Heute ist Windeck eine Ruine mit erhaltenem Bergfried und liegt oberhalb des Schlossparks. Wie sich die Anlage besichtigen lässt, beschreibt die Seite zur Burgruine Windeck im Detail.
- Die Wachenburg wirkt aus der Ferne wie eine alte Trutzburg, ist aber kein Bauwerk des Mittelalters. Sie entstand erst zwischen 1907 und 1928, errichtet vom Weinheimer Senioren-Convent im neuromanischen Stil. Sie greift mittelalterliche Formen auf, gehört aber ins frühe 20. Jahrhundert.
Diese Unterscheidung ist wichtig, weil die alte WordPress-Version dieser Seite und viele Reiseportale beides gern in einen Topf werfen. Wer die echte mittelalterliche Substanz sucht, hält sich an Windeck und an die Altstadt. Mehr zu beiden Burgen und weiteren Zielen findest du auf der Seite Sehenswürdigkeiten.
Warum gab es in Weinheim eine Alt- und eine Neustadt?
Eine Besonderheit der Weinheimer Stadtgeschichte ist die jahrhundertelange Teilung in zwei Stadtbereiche. Im Hochmittelalter entstand neben der älteren Siedlung eine planmäßig angelegte Neustadt. Beide Teile waren getrennt verfasst und gerieten in den Sog der konkurrierenden Mächte an der Bergstraße, vor allem der aufstrebenden Kurpfalz.
Die entscheidenden Marken dieser Entwicklung:
- 1264 wurde festgeschrieben, dass die Neustadt dem Pfalzgrafen zugesprochen wurde. Diese Regelung ist als Hemsbacher Schiedsspruch überliefert und ordnete die Besitzverhältnisse an der Bergstraße neu.
- 1308 ging in einem Gebietstausch auch die Altstadt an die Pfalz über. Damit war ganz Weinheim im Einflussbereich der Kurpfalz.
- 1454 wurden die beiden Bereiche schließlich zu einer Stadt vereinigt. Erst damit endete die mittelalterliche Doppelstruktur.
Dass eine Stadt so lange aus zwei rechtlich getrennten Teilen bestand, war im Mittelalter nicht ungewöhnlich, sagt aber viel über die zersplitterte Herrschaftslandschaft der Region aus. Weinheim wurde dabei Schritt für Schritt kurpfälzisch und blieb es über Jahrhunderte. Wie sich die kurpfälzische Herrschaft im Anschluss religiös und politisch auswirkte, zeigt die Epoche der Reformation in Weinheim, bevor die Stadt 1803 an das Großherzogtum Baden fiel.
Wo kann man das mittelalterliche Weinheim heute noch erleben?
Anders als bei vielen Städten ist das mittelalterliche Erbe in Weinheim nicht nur in Urkunden, sondern auch im Stadtbild greifbar:
- Altstadt rund um den Marktplatz: Der historische Kern mit Marktbrunnen, alten Bürgerhäusern und engen Gassen folgt noch der mittelalterlichen Anlage.
- Gerberbachviertel: Dieses spätmittelalterliche Handwerkerviertel entlang des offen laufenden Grundelbachs gilt als eines der besterhaltenen Altstadtensembles der Region. Hier siedelten sich die Gerber an, weil sie für ihr Handwerk fließendes Wasser brauchten.
- Burg Windeck: Die Ruine mit Bergfried ist von der Stadt aus gut zu Fuß zu erreichen und verbindet Geschichte mit Aussicht über die Rheinebene.
- Reste der Stadtbefestigung: Von der einstigen Ummauerung sind Türme und Mauerteile erhalten, sichtbares Zeugnis der wehrhaften Stadt.
Ein Spaziergang vom Marktplatz durch das Gerberbachviertel hinauf zur Windeck verbindet diese Stationen zu einem stimmigen Rundgang durch rund sieben Jahrhunderte. Wer den Tag abrunden will, findet in der Altstadt zahlreiche Einkehrmöglichkeiten; einen Überblick gibt die Seite Gastronomie.
Gut zu wissen: praktische Tipps für deinen Besuch
- Die Altstadt und das Gerberbachviertel sind frei zugänglich und am besten zu Fuß zu erkunden. Festes Schuhwerk lohnt sich, weil das Kopfsteinpflaster uneben ist.
- Die Burg Windeck erreichst du über einen Anstieg vom Schlosspark aus. Plane für den Aufstieg etwas Zeit und Kondition ein.
- Wochenmarkt ist mittwochs und samstags auf dem Marktplatz. Ein guter Anlass, das mittelalterliche Zentrum bei Betrieb zu erleben.
- Öffnungszeiten von Burgschänken und gastronomischen Angeboten an den Burgen wechseln saisonal. Prüfe sie vor dem Besuch.
- Für die Anreise eignet sich die OEG- beziehungsweise RNV-Linie 5 aus Mannheim und Heidelberg; vom Bahnhof aus ist die Altstadt fußläufig erreichbar.
Wenn du dich tiefer in die Geschichte einlesen möchtest, lohnt der Blick auf die Stadtgeschichte insgesamt. Einen kompakten Überblick über die Stadt heute bietet Weinheim auf einen Blick.