Weinheim wird gern als „Zwei-Burgen-Stadt” beschrieben, doch im 19. Jahrhundert verdiente die Stadt ihr Geld weniger mit Romantik als mit Leder. Aus einem alten Gerberhandwerk in der Altstadt wurde im Lauf weniger Jahrzehnte eine Industrie, die Weinheim verändert hat: neue Fabriken am Bahndamm, tausende Arbeitsplätze und mit Freudenberg ein Unternehmen, das von hier aus zum weltweiten Konzern wurde. Wenn du verstehen willst, wie aus einem Marktflecken an der Bergstraße eine moderne Industriestadt entstand, lohnt sich ein Blick auf Leder, Eisenbahn und die Unternehmerfamilien, die das vorangetrieben haben. Dieser Beitrag ordnet die wichtigsten Etappen ein und gehört zum Cluster Stadtgeschichte.
Warum wurde gerade Weinheim eine Lederstadt?
Die Voraussetzungen lagen buchstäblich im Boden und im Bach. In Weinheim ist das Gerberhandwerk vermutlich schon seit dem 13. Jahrhundert nachweisbar, und das hatte gute Gründe:
- Weiches Wasser aus dem Grundelbach, der offen durch die Altstadt läuft und für die Gerberei gebraucht wurde.
- Eichenrinde (Lohe) aus dem nahen Odenwald und von der Bergstraße, aus der die Gerbstoffe gewonnen wurden.
- Felle von den Metzgern aus dem Umland, vor allem Rind- und Kalbfelle.
Genau dort, wo das Wasser durch die Gassen floss, siedelten sich die Gerber an. Das spätmittelalterliche Handwerkerviertel entlang des Bachs ist bis heute als Gerberbachviertel erhalten, eines der besterhaltenen Altstadtensembles der Region. Es ist der historische Kern, aus dem sich später die industrielle Lederproduktion entwickelte. Mehr zu diesem Viertel und den übrigen historischen Orten findest du auf der Seite zu den Sehenswürdigkeiten.
Wie begann die Erfolgsgeschichte von Freudenberg?
Der Name, der mit Weinheim am engsten verbunden ist, fällt im Jahr 1849. Am 9. Februar 1849 gründeten Heinrich Christian Heintze und Carl Johann Freudenberg in Weinheim die Gerberei Heintze & Freudenberg mit rund 50 Beschäftigten. Das junge Unternehmen ging aus einer bestehenden Handelsgesellschaft und Gerberei hervor und stellte zunächst feine Kalbleder her.
Aus dieser Gerberei wurde über die Jahrzehnte einer der größten Lederbetriebe Europas. Belegt ist ein kräftiges Wachstum zwischen 1877 und 1912, in dem sich Gewinn und Betriebskapital vervielfachten. Ein wichtiger technischer Sprung war die Weiterentwicklung der Chromgerbung um die Jahrhundertwende: Sie verkürzte die Gerbzeit von vielen Monaten auf wenige Wochen und machte die Produktion deutlich effizienter.
Im 20. Jahrhundert sattelte Freudenberg vom Leder auf neue Werkstoffe um. Aus wirtschaftlicher Not entstand 1932 der Simmerring, ein Radialwellendichtring, der bis heute ein Begriff im Maschinenbau ist. Später kamen Vliesstoffe und Haushaltsprodukte hinzu. Heute ist Freudenberg ein weltweit tätiges Technologieunternehmen mit Sitz in Weinheim und prägt die Stadt wirtschaftlich wie kaum ein anderer Betrieb. Neben dem Leder stand lange ein zweiter Wirtschaftszweig im Mittelpunkt, dessen Wurzeln bis in die Römerzeit zurückreichen, nachzulesen bei der Entwicklung des Weinbaus in Weinheim.
Welche weiteren Lederbetriebe prägten die Stadt?
Freudenberg war nicht allein. Im 19. Jahrhundert wuchs in Weinheim ein ganzes Geflecht aus Gerbereien und Lederfabriken heran.
Besonders bekannt wurde die Lederfabrik Hirsch. Sigmund Hirsch, ein aus Norddeutschland stammender Gerber, übernahm 1868 einen der Betriebe in der engen Altstadt. Daraus entwickelte sich eine Fabrik, die sich auf Rossleder (Pferdeleder) spezialisierte und um 1912 mit mehreren hundert Beschäftigten zu den größten Rosslederfabriken Deutschlands zählte. Wie die Firma Freudenberg verlegte auch Hirsch um die Jahrhundertwende seine Produktion in neue Gebäude an der Bahnlinie, weg von den beengten Altstadtgassen.
Die Geschichte der Familie Hirsch ist zugleich Teil der dunklen Kapitel der Stadtgeschichte: Es handelte sich um eine jüdische Unternehmerfamilie, deren Betrieb 1938 unter dem Druck der NS-Zeit an den Nachbarn Freudenberg verkauft („arisiert”) wurde. An den Gründer erinnert heute der Sigmund-Hirsch-Platz im Bereich des früheren Standorts. Wie sich die Lederbetriebe in das größere Wirtschaftsgefüge der Stadt einordnen, zeigt die Seite zur historischen Wirtschaft in Weinheim, und welche Bedeutung Weinheim als einwohnerstärkste Stadt im Rhein-Neckar-Kreis erlangte, beleuchtet die Rolle Weinheims in der Region.
Welche Rolle spielte die Eisenbahn?
Industrie braucht Verkehrswege, und der entscheidende kam 1846. In diesem Jahr eröffnete die Main-Neckar-Bahn, die Strecke von Frankfurt am Main nach Heidelberg, mit einem Halt in Weinheim. Der durchgehende Betrieb startete im August 1846. Auf einen Schlag war Weinheim an das überregionale Schienennetz angebunden, mit Verbindung in Richtung Frankfurt im Norden und Heidelberg sowie Mannheim im Süden.
Für die Lederbetriebe war das ein Wendepunkt. Rohstoffe ließen sich leichter heranschaffen, fertige Waren schneller ausliefern. Nicht zufällig entstanden die neuen Fabrikgebäude von Freudenberg und Hirsch um die Jahrhundertwende entlang der Bahnlinie: Die Nähe zum Gleis wurde wichtiger als die alte Anbindung an den Bach in der Altstadt. Der Bahnanschluss verschob das wirtschaftliche Zentrum der Stadt damit Stück für Stück aus dem mittelalterlichen Kern heraus an den Rand zur Schiene.
Heute hält am Weinheimer Hauptbahnhof Fern- und Regionalverkehr, und die Stadt ist über die Strecke Frankfurt–Heidelberg sowie über die Linie nach Mannheim und Heidelberg gut erreichbar. Wie sich aus diesem ersten Bahnanschluss über die OEG-Straßenbahn bis zu den Autobahnen ein ganzes Verkehrsnetz entwickelte, zeigt die Seite zur Entwicklung der Infrastruktur.
Was blieb von der Industrialisierung übrig?
Die klassische Lederindustrie ist in Weinheim Geschichte. Die Gerbereien wurden im Lauf des 20. Jahrhunderts von neuen Werkstoffen verdrängt, und mancher alte Fabrikbau ist verschwunden, etwa die ursprüngliche Hirsch-Fabrik im Gerberbachviertel, die 1982 einer Wohnbebauung wich. Was bleibt, ist sichtbar an mehreren Stellen:
- Das Gerberbachviertel als gepflegtes Altstadtensemble, das an Jahrhunderte des Handwerks erinnert.
- Freudenberg als bis heute prägendes Unternehmen mit Sitz in Weinheim, das den Wandel vom Leder zur Hightech-Industrie selbst vollzogen hat.
- Erinnerungsorte wie der Sigmund-Hirsch-Platz, die an die Unternehmerfamilien und ihr Schicksal erinnern.
Praktische Tipps für einen Geschichts-Spaziergang
Wenn du die Industriegeschichte vor Ort erleben willst, lässt sich das gut mit einem Bummel durch die Altstadt verbinden:
- Starte im Gerberbachviertel und folge dem offen laufenden Bach. Achte auf die schmalen Fachwerkhäuser, in denen früher gegerbt wurde.
- Plane den Weg über den Marktplatz mit dem Alten Rathaus von 1557 ein, das Herz der historischen Stadt.
- Wer mehr Kontext sucht, kombiniert den Spaziergang mit weiteren historischen Orten und kehrt anschließend in einem der Altstadtlokale ein, eine Übersicht bietet die Seite zur Gastronomie.
- Für einen ganzen Tag in der Stadt hilft dir Weinheim auf einen Blick bei der Orientierung.
Hinweis: Öffnungszeiten von Museen, Führungen und Lokalen ändern sich. Prüfe aktuelle Angaben am besten vorab, bevor du dich auf den Weg machst.