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Stadtgeschichte

Die Stadtmauer und Stadttore von Weinheim

Roter Turm, Obertor und erhaltene Reste der mittelalterlichen Stadtbefestigung in Weinheim: Geschichte, was man sehen kann und Tipps für den Rundgang durch die Altstadt.

Aktualisiert: Juni 2026

Weinheim trägt den Beinamen „Zwei-Burgen-Stadt”, doch zwischen Wachenburg und Burg Windeck liegt ein zweites, viel leiseres Stück Wehrgeschichte: die alte Stadtbefestigung. Wer heute durch die Altstadt geht, läuft an Türmen, Mauerresten und einem Stadttor vorbei, die viele gar nicht als solche erkennen. Dieser Beitrag zeigt dir, was von der mittelalterlichen Stadtmauer übrig ist, was es mit dem Roten Turm und dem Obertor auf sich hat und wie du die Reste auf einem kleinen Rundgang verbindest.

Warum hatte Weinheim überhaupt eine Stadtmauer?

Die befestigte Stadt geht auf eine politische Auseinandersetzung im Mittelalter zurück. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts legte die Kurpfalz eine „Neustadt” an, die als Gegengewicht zur älteren, ursprünglich mainzischen Altstadt gedacht war. 1264 wurde diese Neustadt auf einem Höhenrücken oberhalb der Bergstraße angelegt, bewusst in Sichtweite und Reichweite der Burgruine Windeck, um die territoriale Position der Pfalzgrafen zu sichern.

Eine eigene Mauer war damals weniger Luxus als Notwendigkeit: Sie markierte das Stadtrecht, schützte Markt und Bürgerhäuser und kontrollierte über ihre Tore, wer hinein- und hinauskam. 1454 wurden Alt- und Neustadt schließlich unter kurpfälzischer Herrschaft vereinigt. Mehr zu dieser Epoche findest du im Cluster Geschichte.

Was ist von der Stadtbefestigung erhalten?

Anders als bei vielen Städten, die ihre Mauern im 19. Jahrhundert für den Verkehr abgerissen haben, ist in Weinheim erstaunlich viel stehen geblieben. Erhalten sind:

  • mehrere Wehrtürme der einstigen Stadtmauer,
  • ein Turmstumpf als Rest eines weiteren Turms,
  • ein Stadttor, das Obertor,
  • sowie größere Abschnitte der Stadtmauer selbst.

Im 21. Jahrhundert wurde die Stadtmauer in mehreren Abschnitten aufwendig saniert, um die historische Substanz zu erhalten. Das macht Weinheim zu einem der besser ablesbaren Beispiele einer kurpfälzischen Stadtbefestigung an der Bergstraße. Die Türme und Mauerreste zählen zu den prägenden historischen Gebäuden Weinheims, und wie die Mauer in das übrige Altstadtbild eingebettet ist, siehst du am besten bei einem Bummel durch die Altstadt.

Welche Türme der Stadtmauer kann man sehen?

Die einzelnen Türme tragen Namen, die teils auf ihre Funktion, teils auf ihr Aussehen zurückgehen.

Der Rote Turm

Der Rote Turm ist das bekannteste erhaltene Bauwerk der Befestigung. Er stammt aus dem 14. Jahrhundert und diente bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts als Gefängnisturm. Seinen Namen verdankt er dem pyramidenförmigen Kegel über dem Zinnenkranz, der früher ein rotes Ziegeldach trug. Heute ist der Turm ein markanter Punkt im Altstadtgefüge und steht an der nach ihm benannten Roten Turmstraße. Seit 2010 kümmern sich ehrenamtliche Turmpaten um das Denkmal.

Die Blaue Hut

Die Blaue Hut gilt als der älteste und höchste der erhaltenen Türme und gehört damit zu den frühesten Zeugnissen der Stadtbefestigung. Sie zeigt, wie massiv die Wehranlage einst angelegt war.

Hexenturm und Judenturm

Auch der Hexenturm und der Judenturm sind als Türme der ehemaligen Stadtmauer überliefert. Die Namen erinnern an die oft düstere Geschichte solcher Wehrbauten, die im Lauf der Jahrhunderte als Verlies oder Gefängnis genutzt wurden. Wer sich für die jüdische Geschichte Weinheims interessiert: Die Stadt hatte über Jahrhunderte eine jüdische Gemeinde, deren Synagoge in der Altstadt 1938 zerstört wurde. Gedenkorte und Stolpersteine halten diese Geschichte heute wach.

Was hat es mit dem Obertor auf sich?

Das Obertor ist das erhaltene Stadttor der Befestigung und damit ein seltenes Stück Originalsubstanz. Eine Besonderheit: Um 1700 wurde das Tor baulich in das Weinheimer Schloss einbezogen, das ab 1537 als kurpfälzischer Amtssitz errichtet und seit 1938 als Rathaus genutzt wird. Stadttor und Schloss sind dadurch heute eng miteinander verbunden, was den Übergang von der mittelalterlichen Wehrstadt zur fürstlichen Residenzstadt sichtbar macht.

Wer die Reste der Stadttore richtig einordnen will, sollte sich auch das benachbarte Lorscher und Wormser Tor ansehen, das ebenfalls zur historischen Topografie der Stadt gehört.

Wie verbindet man die Reste auf einem Rundgang?

Die Mauerreste, Türme und das Obertor liegen alle im überschaubaren Bereich der Altstadt und lassen sich gut zu Fuß erlaufen. Ein lohnender Ausgangspunkt ist der Weinheimer Marktplatz mit Altem Rathaus und Marktbrunnen. Von dort sind es nur wenige Minuten zur Roten Turmstraße und in die schmalen Gassen des Gerberbachviertels, wo Fachwerkhäuser entlang des offen laufenden Grundelbachs das spätmittelalterliche Stadtbild prägen.

Ein sinnvoller Bogen für einen Spaziergang:

  1. Start am Marktplatz, kurzer Blick auf das historische Ensemble.
  2. Weiter zur Roten Turmstraße mit dem Roten Turm.
  3. Über die erhaltenen Mauerabschnitte Richtung Schloss und Obertor.
  4. Abstecher ins Gerberbachviertel und in die übrige Altstadt.

So bekommst du in rund einer Stunde ein gutes Gefühl dafür, wie eng die mittelalterliche Stadt einst zusammengeschnürt war.

Praktische Tipps für den Besuch

  • Anreise: Weinheim ist über die OEG-/RNV-Linie 5 aus Mannheim und Heidelberg gut erreichbar. Vom Bahnhof sind es zu Fuß wenige Minuten in die Altstadt.
  • Innenbesichtigung: Der Rote Turm ist nur an bestimmten Tagen von innen zugänglich. Termine, etwa rund um den Tag des offenen Denkmals, kündigt die Stadt Weinheim vorab an. Prüfe die aktuellen Angaben am besten direkt bei der Stadt, bevor du anreist.
  • Von außen jederzeit: Mauerreste, Türme und das Obertor lassen sich von den Gassen aus jederzeit und kostenfrei betrachten.
  • Mit anderen Zielen kombinieren: Der Rundgang lässt sich leicht mit einem Aufstieg zur Burg Windeck oder zur Wachenburg verbinden. Eine Übersicht zu den wichtigsten Zielen gibt dir die Seite Weinheim auf einen Blick.
  • Einkehr: In der Altstadt rund um Markt- und Schlossbereich findest du zahlreiche Möglichkeiten zur Einkehr. Adressen und Tipps sammelt die Gastronomie-Übersicht.

Gut zu wissen

Die genauen Bau- und Umbaudaten einzelner Türme lassen sich nicht immer auf das Jahr festlegen, weil die Befestigung über Jahrhunderte verändert, ergänzt und teilweise abgetragen wurde. Sicher belegt ist die Anlage der befestigten Neustadt 1264, die Datierung des Roten Turms ins 14. Jahrhundert und die Einbeziehung des Obertors in das Schloss um 1700. Bei allen weiteren Details lohnt der Blick in das Stadtmuseum, das im historischen Deutschordenshaus untergebracht ist und unter anderem Modelle der mittelalterlichen Wehrtürme zeigt.

Häufige Fragen

Rund um Die Stadtmauer und Stadttore von Weinheim

Welche Reste der Weinheimer Stadtbefestigung sind heute noch erhalten?

Von der einstigen Stadtmauer der kurpfälzischen Neustadt sind mehrere Wehrtürme, ein Turmstumpf und ein Stadttor erhalten. Dazu zählen der Rote Turm, die Blaue Hut, der Hexenturm sowie das Obertor. Auch größere Abschnitte der Stadtmauer selbst stehen noch.

Warum heißt der Rote Turm in Weinheim so?

Der pyramidenförmige Kegel über dem Zinnenkranz trug früher ein rotes Ziegeldach, das dem Turm seinen Namen gab. Der Turm stammt aus dem 14. Jahrhundert und diente bis Mitte des 19. Jahrhunderts als Gefängnisturm.

Kann man den Roten Turm besichtigen?

Der Rote Turm ist nur an bestimmten Tagen zugänglich. Seit 2010 kümmern sich ehrenamtliche Turmpaten um das Denkmal. Aktuelle Öffnungstermine, etwa am Tag des offenen Denkmals, prüfst du am besten vorab bei der Stadt Weinheim.

Wo stand das Obertor und gibt es es noch?

Das Obertor ist das erhaltene Stadttor der Befestigung. Um 1700 wurde es baulich in das Weinheimer Schloss einbezogen und ist deshalb heute mit dem Schlossareal am Rand der Altstadt verbunden.

Wann entstand die befestigte Stadt Weinheim?

Die kurpfälzische Neustadt mit ihrer Befestigung wurde 1264 auf einem Höhenrücken oberhalb der Bergstraße angelegt, bewusst gegenüber der Burg Windeck. 1454 wurden Alt- und Neustadt unter der Kurpfalz vereinigt.